Reformierte Kirche Bühler

Mittwoch, 15.04.2015

Neulich am Ohr

Und? Hast Du heute schon mal Deine Ohren angefasst? Sie freundlich begrüsst? Auf beiden Seiten des Kopfes verrichten sie tagein tagaus ihren Dienst. Zieh doch mal dran - nicht zu fest, das ist klar. Aber doch spürbar. Umfahre Deine Ohren mit Deinen Fingern. Erst aussen. Und dann innen, soweit Du kommst.

Das Ohr ist etwas besonderes. Wir können eigentlich nicht nichts hören. So sehr wir sie auch verstopfen, ganz still wird es nicht. Und doch: Nicht jeder, der Ohren hat, kann auch hören. Und es gilt sogar: Nicht jeder, der funktionstüchtige Ohren hat, kann auch hören. Deshalb fordert Jesus so oft auf: Wer Ohren hat, zu hören, der höre! Der höre gut zu. Nicht so sehr auf die vielen Worte. Sondern auf das Wort, das ihm gilt.

Dazu bedarf es einiger Übung: Wer hören möchte, muss aus dem Stimmengewirr die eine Stimme herausfiltern, die für ihn wichtig ist. Die Stimme, die ein Wort für ihn spricht. So wie früher beim Radio.

Und: Wer hören möchte, muss zunächst einmal selbst still sein. Besser: Still werden. Das ist mehr als nur zur Ruhe zu kommen. Wobei das ja schon eine ganze Menge ist. Aber still werden, schweigen, das heisst, beiseite legen, was beim Hören stört. Alle Vorurteile. Alle Schmerzen. Alle Pläne. Aber auch alle Hoffnungen.

Still werden, heisst in der letzten Konsequenz: mich selbst lassen, loslassen. Also mich selbst aus dem Zentrum nehmen. Das gilt ja ganz ähnlich auch für ein gutes Gespräch unter Freunden. Das gilt auch in der Familie. Wer immer nur sich selbst thematisiert, erfährt wenig vom Gegenüber. Und was für die Gespräche unter Menschen gilt, das gilt auch für das Gespräch mit Gott.

Wir lernen wieder, dass Beten vor allem HÖREN heisst. Beten heisst: sich bereit machen, dass Gott zu uns sprechen kann. Dass Gott in uns sprechen kann. Dass wir seine Stimme hören können. Die Meisterinnen und Meister des Gebets weisen uns darauf hin, dass uns unser Beten helfen kann, die Antwort Gottes auf unser Leben in uns hinein zu holen. Sören Kierkegaard beschreibt seine Gebetserfahrung so: „Allmählich, als er innerlicher und innerlicher wurde im Gebet, hatte er weniger und weniger zu sagen, und zuletzt verstummte er ganz. Er war stumm, ja, was dem Reden vielleicht noch mehr entgegengesetzt ist als das Schweigen: er war ein Hörender. Er hatte gemeint, beten sei reden; er lernte: beten ist nicht bloss schweigen, sondern ist hören. Und so ist es denn auch; beten heisst nicht, sich selbst reden hören, sondern heisst dahin kommen, dass man schweigt, und im Schweigen verharren, und harren, bis der Betende Gott hört.“

Lars Syring