Reformierte Kirche Bühler

Freitag, 15.01.2016

Neulich auf der Flucht

Hinter uns liegt ein Jahr, in dem sich die Welt verändert hat. Unzählbare Menschen haben ihre Heimat verlassen. Sie riskieren ihr Leben und sind voller Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben in einem anderen Land.

Weihnachten haben wir Jesus und seine Eltern besucht. Wir standen an der Krippe. Und wir wissen, wie die Geschichte weiter geht. Kaum ist das Kind da, soll es schon getötet werden. König Herodes hat auf unerklärliche Weise Angst um seine Macht und befiehlt ein Blutbad an allen kleinen Jungen. Und was machen Maria und Josef? Sie flüchten nach Ägypten.

Unter ganz ähnlichen Bedingungen, unter denen heute viele Menschen unterwegs sind, ist Gott den Menschen nahe gekommen. Er hat sich eingemischt in die einfachen Verhältnisse. Er hat das Elend gesehen. Und er verspricht, dass sich das Leben ändern wird. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“, lässt er durch die Engel ausrichten.

Das wäre was: Frieden auf Erden. Wie lange wartet die Menschen schon darauf? Und immer wieder finden sich dann doch Menschen, die vom Krieg profitieren. Die ihre Geschäfte machen mit dem Elend der Anderen. Und die uns erzählen, dass es keine Alternative gibt.

Und irgendwie stehen wir der Situation im Nahen Osten und den Terroranschlägen in aller Welt hilflos gegenüber. Uns fehlen die Ideen. Und so verfallen wir in die alten Muster. Muster, von denen wir wissen, dass sie nicht funktioniert haben. Und dass sie auch diesmal nicht funktionieren werden. Bomben sind keine Lösung.

Wenn wir bedenken, unter welchen Umständen Jesus zur Welt gekommen ist, dann sehen wir: Es gibt Alternativen. Gott sieht eine Alternative. Er guckt sich in einem kleinen Erdloch ein Kind aus, das sein Sohn sein soll.

Dieser Jesus wird Jahre später eine andere Art zu leben vorstellen. Ihm geht es nicht ums Gewinnen. Ihm geht es ums Lieben. Er wird mit seinem Leben dafür einstehen, dass Gott die Liebe ist - und die Liebe möchte. Dass wir genauso barmherzig sein können, wie Gott selbst. Dass durch uns Gottes Liebe für alle Menschen spürbar wird.

Es ist offensichtlich, dass Europa nicht den ganze Nahen Osten bei sich aufnehmen kann. Und es ist hoffentlich auch klar, dass wir trotzdem jeder an seinem Ort mithelfen, eine Situation zu schaffen, in der es mitmenschlich zugeht. Eine Situation, die für die Menschen, die kommen, erträglich ist. Und für uns, die wir schon hier leben, natürlich auch. Wir brauchen eine möglichst realistische Einschätzung der Situation. Wir werden darum ringen müssen, damit sich kein Fremdenhass Bahn bricht. Und die Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht hat gezeigt, wie schwierig das wird.

Deshalb dürfen wir uns auch nichts vormachen. Es geht nicht darum, mal drei Wochen freundlich zu sein. Vor uns steht ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt, der Jahre beanspruchen wird.

Zurück zur Weihnachtsgeschichte: Jesus hat mit seiner Familie überleben können, weil Menschen in einem fremden Land bereit waren, sie aufzunehmen. Sie haben mitgeholfen, dass die Botschaft von Gott auch zu uns kommen konnte. Und vielleicht können wir den Menschen, die jetzt zu uns kommen, auch so begegnen. So, dass durch uns etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes deutlich wird, die Jesus gelebt hat. Dass wir unsere Hände Gott zur Verfügung stellen. Auf dass er durch sie wirke und so durch uns zur Welt kommt.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, versprechen die Engel. Darauf möchte ich mich verlassen. Und mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden.

Lars Syring

Pfarrer in Bühler

Kolumne "Zum Sonntag" für die Appenzeller Zeitung