Reformierte Kirche Bühler

Freitag, 08.08.2014

Neulich vor dem Spiegel

Und? Heute schon in den Spiegel geschaut? Warst Du zufrieden mit dem, was Du da gesehen hast? Hast Du wiedererkannt, was dir da vor Augen war? „Ich kenne dich nicht, aber ich wasche dich trotzdem“, habe ich in meiner Pubertät oft gedacht. In der Zeit, in der die Entdeckung eines Pickels über den weiteren Verlauf des Tages entscheiden kann.

So ein Spiegel verleitet uns dazu, uns selbst als Mittelpunkt der Welt zu sehen. Nicht nur ich ertappe mich, dass ich in jedem Spiegel, der mir begegnet, kurz abchecke, ob noch alles einigermassen in Ordnung ist. Auch unsere Kinder stehen vertieft vor dem Spiegel und erproben Gesichtsausdrücke, Grimassen, Nuancen. Gucken, wie es aussieht, wenn sie sich bewegen und ob sich das Spiegelbild tatsächlich mitbewegt. Sie stellen sich den wesentlichen Fragen: Kann Lucky Luke auch schneller ziehen als sein Spiegelbild?

Wer zu lange vor dem Spiegel steht, läuft jedoch Gefahr, sich irgendwann wie gefangen in einer Endlosschleife zu drehen. Wir sehen nur noch uns selbst. Und auch die Welt ausserhalb des Badezimmers legt es darauf an, uns immer in schöner Selbstbespiegelung gefangen zu halten. Bloss nicht aus den Gedankenschleifen ausbrechen, die sich um mich selbst drehen. Bloss keinen Raum zum Nachdenken lassen.

Im Gebet, in der Meditation, gehen wir einen anderen Weg. Da geht es darum, diesen Spiegel zu zerschlagen. Je mehr wir versuchen, ruhig zu werden, desto mehr sehen wir uns selbst, wie in einem Spiegel. Es ist fast so, als wäre ein Spiegel zwischen mir und Gott. Und im Spiegel sehen wir ja alles nicht so, wie es wirklich ist. Sondern als Spiegelbild, verkehrt. Also weg damit.

Je weiter wir in der Meditation kommen, desto deutlicher sehen wir auch auf die andere Seite des Spiegels. Oder: Sehen durch ihn hindurch. Oder besser: Wenn der Spiegel zerbrochen ist, nehmen wir unmittelbar wahr, was uns begegnet. Und sehen uns selbst auch anders, richtig herum, so wie Gott uns sieht. Sehen in seinem Gegenüber seine liebenden Augen, die auch der Segen beschwört: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Und wenn wir dann noch weiter kommen, dann werden wir selbst zu einem Spiegel, aber zu einem anderen, als wir es gewohnt sind. Denn dann spiegelt sich auf unserem Gesicht die Liebe Gottes. So beschreibt es Paulus im 2. Korintherbrief: „Wir alle spiegeln auf unserem Antlitz die Herrlichkeit Gottes wider.“

Und nun genug bespiegelt! Auf zur Tat!

Lars Syring, Pfarrer in Bühler

Kolumne für das Kaiser Blatt